«Wenn wir schon bauen, dann gleich richtig» — dieser Satz hat mehr Softwareprojekte beschädigt als jeder technische Fehler. Hier ist die Gegenposition und warum sie in der Praxis besser funktioniert.
Was eine erste Version leisten soll
Nicht: möglichst viel können. Sondern: eine Annahme überprüfen, mit echten Nutzern und echten Daten.
Vor jedem Projekt gibt es Annahmen, die niemand sicher weiss. Werden die Monteure die Erfassung wirklich benutzen? Füllen Patienten das Formular vorab aus? Reicht die Erkennungsquote bei unseren Belegen? Diese Fragen lassen sich in keiner Sitzung beantworten, nur im Einsatz.
Eine erste Version, die nach vier Wochen von fünf Personen benutzt wird, liefert diese Antworten. Eine Vollversion nach sechs Monaten liefert sie auch — nur ist dann das Budget weg.
Wie man richtig schneidet
Der häufigste Fehler beim Zuschneiden: quer schneiden statt längs. Quer bedeutet, alle Funktionen halbfertig zu bauen. Das ergibt etwas, das niemand benutzen kann.
Längs bedeutet, einen vollständigen Ablauf für einen Fall zu bauen. Dieser eine Ablauf funktioniert dann von Anfang bis Ende, und man kann tatsächlich damit arbeiten.
Eine Funktion, die vollständig funktioniert, ist mehr wert als fünf, die zu achtzig Prozent fertig sind.
Praktisch heisst das: Wählen Sie den häufigsten Fall — den, der achtzig Prozent des Aufkommens ausmacht. Sonderfälle kommen später. In der ersten Version dürfen sie ruhig noch von Hand erledigt werden.
Drei Beispiele
Rapport-App für einen Handwerksbetrieb
Erste Version: Monteur wählt Baustelle, erfasst Stunden, sendet. Büro sieht eine Liste. Fertig.
Nicht enthalten: Material, Fotos, Offerten, Nachkalkulation, Anbindung an die Buchhaltung.
Dauer: vier bis fünf Wochen.
Was man lernt: Ob die Erfassung schnell genug ist und ob sie tatsächlich benutzt wird. Wenn nein, hat man einen Bruchteil des Gesamtbudgets investiert statt alles.
Terminbuchung für eine Praxis
Erste Version: Eine Terminart, ein Kalender, Buchung und SMS-Erinnerung.
Nicht enthalten: mehrere Behandelnde, Anamnese, Anbindung an die Praxissoftware, Absagen durch Patienten.
Dauer: vier Wochen.
Was man lernt: Wie viele Patienten online buchen und ob die Erinnerung das Nichterscheinen senkt.
Belegerfassung für ein Treuhandbüro
Erste Version: Ein Mandant, PDF-Rechnungen hochladen, Auslesen, Prüfen, als Datei exportieren.
Nicht enthalten: Mandantenportal, Fotos vom Handy, direkte Anbindung, Nachfassen.
Dauer: fünf Wochen.
Was man lernt: Die tatsächliche Erkennungsquote auf Ihren echten Belegen. Das ist die zentrale Unbekannte des ganzen Vorhabens.
Was weggelassen werden darf
- Sonderfälle und Ausnahmen — vorerst manuell erledigen
- Auswertungen und Statistiken — es gibt ohnehin noch keine Daten
- Feine Rechteverwaltung — zwei Rollen genügen zunächst
- Anbindungen an andere Systeme — Export als Datei reicht am Anfang
- Verwaltungsoberflächen — Konfiguration darf zunächst durch uns erfolgen
- Gestalterische Feinarbeit — sauber und klar genügt, schön kommt später
- Mehrsprachigkeit, sofern nicht von Beginn an zwingend
Was nie weggelassen werden darf
- Datensicherheit. Nachträglich einbauen ist teuer und lückenhaft.
- Backups. Ab dem ersten produktiven Tag.
- Ein sauberes Datenmodell. Der Teil, der später am schwersten zu ändern ist. Hier lohnt sich Sorgfalt von Beginn an.
- Datenexport. Nutzer müssen ihre Daten herausbekommen können, immer.
- Grundlegende Bedienbarkeit. Eine erste Version darf schmal sein, aber nicht mühsam.
Der dritte Punkt ist der wichtigste. Oberflächen lassen sich jederzeit umbauen. Ein falsch angelegtes Datenmodell zieht sich durch alles, was darauf aufbaut. Hier sparen wir nie.
Der häufigste Fehler
Aus dem MVP wird schleichend ein Vollprojekt. Der Ablauf ist immer gleich: «Wenn wir schon dabei sind, machen wir X gleich mit.» Dreimal wiederholt, und aus vier Wochen sind vier Monate geworden.
Dagegen hilft nur ein festes Datum und eine geschriebene Liste dessen, was nicht dazugehört. Diese Ausschlussliste ist genauso wichtig wie die Anforderungsliste — und wird fast nie gemacht.
Wir arbeiten deshalb mit Ausbauschritten von zwei bis vier Wochen mit fixem Ende. Kommt ein Wunsch dazu, kommt er in die Liste für den nächsten Schritt. Der aktuelle Schritt bleibt, wie er beschlossen wurde.
Häufige Fragen
Wie gross sollte eine erste Softwareversion sein?
Sie sollte nach vier bis acht Wochen nutzbar sein und einen vollständigen Ablauf für den häufigsten Fall abdecken. Nicht mehrere Funktionen halbfertig, sondern eine vollständig.
Was darf in einer ersten Version fehlen?
Sonderfälle, Auswertungen, feine Rechteverwaltung, Anbindungen an andere Systeme, Verwaltungsoberflächen und gestalterische Feinarbeit. Nie fehlen dürfen Datensicherheit, Backups, ein sauberes Datenmodell und Datenexport.
Wie verhindert man, dass aus dem MVP ein Vollprojekt wird?
Mit einem festen Enddatum und einer geschriebenen Liste dessen, was ausdrücklich nicht dazugehört. Diese Ausschlussliste ist so wichtig wie die Anforderungsliste und wird fast nie gemacht.
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Das Erstgespräch ist kostenlos und unverbindlich. Wir nennen eine Bandbreite für Aufwand und Kosten — und sagen ab, wenn es sich nicht lohnt.
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